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24.07.2014

Die Formel für den Chartbreaker

Was ist es, das Hits zu Hits macht? Ein Musikwissenschaftler an der Universität Bonn hat es per Hirn-Scan herausgefunden

Bilden wir uns das ein – oder klingen die meisten Erfolgsstücke im Radio ziemlich gleich? Nein, es ist keine Einbildung: Zahlreiche Pop-Songs beruhen im Kern auf nur einigen wenigen Akkordfolgen – zumindest die, die zu weltweiten Hitparadenstürmern werden. Der Musikwissenschaftler Dr. Volkmar Kramarz von der Universität Bonn hat in Zusammenarbeit mit der Abteilung "Differentielle & Biologische Psychologie" per Magnetresonanztomografie festgestellt, woran das liegt: Solche „Pop-Formeln“ erzeugen im Gehirn ein wohliges Gefühl – und den Wunsch, den Song auf der Stelle zu kaufen. Kramarz berichtet darüber im Buch „Warum Hits Hits werden“. Es erscheint im August im Bielefelder Transcript-Verlag.

Karlheinz Stockhausen hatte es gut: Den großen Musikreformer brauchte es nicht zu kümmern, ob seine revolutionären Kompositionen sich auf dem Markt der Hitparaden verkaufen würden. Wer allerdings heute als junger Musiker sein Auskommen finden will, braucht auch „messbaren“ Erfolg – am besten natürlich in den Charts der zeitgenössischen Popmusik. Der Musikwissenschaftler Dr. Volkmar Kramarz von der Universität Bonn kennt sich aus auf diesem Gebiet: Er ist selbst seit Jahrzehnten als Rock-Gitarrist aktiv. Er wollte herausfinden, welche Zutaten eine Komposition haben muss, um in den Charts ganz oben zu landen.

Hierzu untersuchte er erfolgreiche Popsongs aus den Jahren 2007 bis 2014 zunächst musiktheoretisch: Er wählte die Gewinner der Musikpreise „Grammy“ und „Echo“ aus, des Eurovision Song Contest (ESC) sowie die „Singles des Jahres“ aus Deutschland und Großbritannien. „Ein buntes Bild an Songs“, sagt Kramarz, „die als charakteristisch für den Zeitgeschmack gesehen werden können“. Dann prüfte er, welche Elemente in Melodie, Akkorden und Rhythmus allen Stücken gemeinsam waren – also als „unverzichtbare Chartbreaker-Zutat“ angesehen werden können.

Drei Akkordformeln regieren die Welt der Popmusik

Die Analyse ergab, dass die weitaus meisten erfolgreichen Popsongs auf lediglich drei Akkordfolgen beruhen. Erstens: der „Turnaround“, die Folge C-Dur / a-moll / F-Dur / G-Dur. Zweitens: „Modern Pop“, die Folge a-moll / F-Dur / /C-Dur / G-Dur. Drittens: das „Four Chord“-Schema, die Folge C-Dur / G-Dur / a-Moll / F-Dur. Kramarz nennt diese Akkordfolgen „Pop-Formeln“ und hält sie für Garanten popmusikalischen Erfolgs. „Wenn ich mir die Teilnehmerstücke des ESC darauf hin anhöre, kann ich mit 98-prozentiger Sicherheit vorhersagen, wer auf den Plätzen 1 bis 3 landet.“

Woher aber kommt es, dass in den Hitparaden vor allem solche Stücke Erfolg haben, die auf diesen drei „Formeln“ aufbauen? Dies wollte Dr. Kramarz im praktischen Teil seiner Studie herausfinden und komponierte dazu zunächst je ein Beispiel für jede der drei – und zwar jeweils in drei Varianten: Einmal in unveränderter Form; einmal als „halbe“ Formel, indem er Teile der Folgen um jeweils einen Halbton verschob; schließlich als „aufgelöste“ Formel, in der er nach der Art Karlheinz Stockhausens die Musik in Schnipsel zerschnitt, mit Sinuskurven unterlegte, Tonarten und Rhythmus vermischte, bis kein „gewohnt-musikalischer“ Zusammenhang mehr erkennbar war.

Anschließend versuchte Dr. Kramarz festzustellen, was im Gehirn von Popmusik-Hörern vor sich geht: Er spielte die neun Musikmuster 40 Probanden im Alter zwischen 20 und 72 Jahren vor, während ein Magnetresonanztomograf (MRT) deren Hirntätigkeit maß. Ergebnis: Quer durch alle Altersstufen sprechen die „Pop-Formeln“ Gehirn-Bereiche an, die für besonderes Wohlgefühl zuständig sind. Anders die „aufgelösten“ Formeln im Neutöner-Stil: Sie ließen Hirnregionen aktiv werden, „die sich mit Konfliktbereitschaft und Konfliktverarbeitung befassen.“ Eindeutig zeigte sich zudem, dass die nicht verfremdeten „Pop-Formeln“ die Hirnregionen reizen, die für Körperbewegung zuständig sind. „Kurz gesagt: Bei Popformeln zuckt uns das Tanzbein.“

Hits aktivieren das „Belohnungszentrum“ im Gehirn

Außerdem werde durch solche Akkordfolgen das „Belohnungssystem“ „unverhältnismäßig stark aktiviert“, so der Forscher weiter. Diese Hirnregion werde „bei sexueller Betätigung aktiv – und beim spontanen Kauf“, sagt Kramarz. „Das Gehirn hört diese Stücke und sagt: Das will ich sofort haben!“ Dies gelte „unabhängig von Alter, Bildung oder Herkunft – für den Eingeborenen in Neuguinea ebenso wie für den Musikprofessor in New York.“

Volkmar Kramarz bilanziert: „Ob Popmusik einen Menschen anspricht, ist keine Frage von »Intelligenz«. Wir sind einfach alle so gestrickt.“ Als Ergebnis fordert der Bonner Experte einen Paradigmenwechsel beim Musikunterricht. „Wir sagen den Kids gerne: »Mach doch mal was Neues, was so noch nicht da war!«. Dann machen sie allerdings Popmusik, die sich nicht mehr an den Standards orientiert, so dass nur noch spezielle Hörer sie kaufen – und das sind halt weniger. Wenn wir aber wollen, dass unsere jungen Musiker so erfolgreich werden wie die amerikanischen, sollten wir mit solchen Ansprüchen vorsichtig sein.“


Publikation:
Volkmar Kramarz: Warum Hits Hits werden.
Erfolgsfaktoren der Popmusik. Eine Untersuchung erfolgreicher Songs
und exemplarischer Eigenproduktionen.
Transcript-Verlag, Bielefeld 2014. 390 S., ISBN 978-3-8376-2723-7, 37,99 Euro

Ansprechpartner:
Dr. Volkmar Kramarz
Tel.: 0228/429 88 29 oder 0160/93 82 4559
E-Mail: volkmar@kramarz-bonn.de
Internet: www.kramarz-bonn.de

Copyright © Uni Bonn | Erstellt von Andreas Archut | 22.07.2014









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